INSOLVENZVERFAHREN – STATISTIK 2006
Die Pleitewelle rollt weiter:
2007 sind mehr als 180.000 Insolvenzverfahren gegen natürliche Personen zu erwarten Große Regionen im Norden und im Osten von Insolvenzwelle überdurchschnittlich stark betroffen Zahl der Insolvenzen natürlicher Personen erreicht dramatische Höhe: 2006 wird voraussichtlich gegen mehr als 138.000 Personen ein Insolvenzverfahren eröffnet - Erste Lichtblicke bei den Negativ-Spitzenreitern: Nur noch unterdurchschnittliche Zuwächse – Insolvenzlandkarte auf Landkreisebene für 2006 vorgestellt
Bremen (gmc). Die Zahl der gegen natürliche Personen eröffneten Insolvenzverfahren steigt immer weiter. In den ersten drei Quartalen dieses Jahres wurden mit 98.591 Fällen bereits 29,6 Prozent mehr Verfahren als im gleichen Zeitraum des Vorjahres (77.643) eröffnet. „Das bedeutet, dass wir in diesem Jahr wohl mehr als 138.000 derartiger Verfahren bekommen und 2007 sogar mit mehr als 180.000 Insolvenzen natürlicher Personen rechnen müssen“, befürchtete Stephan Jender, Geschäftsführer der Seghorn Inkasso GmbH, heute bei der Vorstellung der neuen bundesweiten Insolvenz-Landkarte. Die in dieser Form in Deutschland einmalige Analyse wurde damit bereits zum dritten Mal durchgeführt und erlaubt die Beurteilung des Insolvenzgeschehens auf Landes- und auf Landkreisebene.
Alle Verfahren gegen Personen analysiert Der Begriff „Insolvenzen natürlicher Personen“ umfasst nicht nur Verbraucher, sondern einen deutlich größeren Personenkreis: Zu ihnen zählen auch ehemals oder noch aktiv selbstständig Tätige sowie Personen, die Gesellschafter von Firmen sind oder waren. Hinzu kommt die allerdings sehr geringe Zahl überschuldeter Nachlässe. Auf Grund von Daten, die gezielt für diese Studie ausgewertet wurden, hat die volkswirtschaftliche Abteilung der Seghorn Inkasso GmbH für jeden der 439 Stadt- und Landkreise die Zahl der eröffneten Insolvenzverfahren natürlicher Personen mit der Bevölkerungszahl in Verhältnis gesetzt. Hieraus hat das Unternehmen ein bundesweites Ranking erarbeitet.
Allen 439 Kreisen ist in der Insolvenzlandkarte eine der vier Farben rot, orange, gelb oder grün zugeteilt worden. In jede dieser Klassen wurde etwa ein Viertel der Kreise eingruppiert. Die Einstufung richtet sich nach der Zahl an eröffneten Insolvenzverfahren pro 100.000 Einwohner. Rot steht für die 105 Stadt- und Landkreisen mit der höchsten Pleitenquote. Sie verzeichnen zwischen 150 und 424 Insolvenzen pro 100.000 Einwohner, während der Bundesdurchschnitt bei lediglich 120 liegt.
Die Bundesländer im Vergleich Bei der Analyse auf Bundesländerebene erhalten Bremen mit 291 Fällen je 100.000 Einwohnern, das Saarland mit 169, Schleswig-Holstein mit 163, Mecklenburg-Vorpommern mit 158, Niedersachsen mit 156, Berlin und Brandenburg mit jeweils 151 Fällen sowie Sachsen-Anhalt mit 150 Fällen die warnende Rotfärbung.
Auf Landkreisebene sieht dieses Bild jedoch anders aus. Hier fallen größere Regionen Niedersachsens, insbesondere fast das gesamte Südniedersachsen, sowie die Regionen entlang der Unterweser und an der Nordseeküste rotgefärbt ins Bild. In Sachsen-Anhalt ziehen sich zwei Streifen durch die Landesmitte. In Mecklenburg-Vorpommern sind drei Kreise an der Küste und drei an der südöstlichen Grenze zu Brandenburg betroffen. In Brandenburg selbst leuchten sechs der neun an Berlin angrenzenden Kreise rot.
In Baden-Württemberg (84 Fälle je 100.000 Einwohner) und Bayern (89 Fälle) dominieren dagegen die Farben grün und gelb. Hessen (100 Fälle), Rheinland-Pfalz (111 Fälle), Nordrhein-Westfalen und Thüringen (jeweils 116 Fälle) bieten gemischte Farbspektren mit grün, gelb und orange. 439 deutsche Kreise im Vergleich – Stadtkreise stärker betroffen Auf Land- beziehungsweise Stadtkreisebene kommen dagegen strukturelle Unterschiede zum Tragen. Demnach sind Stadtkreise überproportional von der Insolvenzwelle betroffen: neun der zehn Verwaltungseinheiten in der Negativ-Spitzengruppe sind Stadtkreise. Die Stadtkreise Pirmasens (Rheinland-Pfalz) und Delmenhorst (Niedersachsen) weisen für die ersten drei Quartale 2006 deutschlandweit die höchste Quote an Insolvenzverfahren natürlicher Personen auf. Während bundesweit in den ersten neun Monaten diesen Jahres durchschnittlich 120 Insolvenzverfahren pro 100.000 Einwohner (plus 27,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum) eröffnet wurden, waren es in Pirmasens mit 424 und Delmenhorst mit 396 jeweils mehr als dreieinhalb Mal so viel. Auf Platz drei liegt überraschenderweise die Stadt Bremen mit 334 Fällen pro 100.000 Einwohner, was gegenüber dem Vorjahr einer Steigerung um 128,8 Prozent entspricht. Auf den weiteren Plätzen folgen wie bereits 2005 die Stadtkreise Wilhelmshaven (Niedersachsen) mit 302 und Rostock mit 284 Pleiten pro 100.000 Einwohner. Platz sechs nimmt nach einem Anstieg um 50 Prozent jetzt der Stadtkreis Bayreuth zusammen mit Neubrandenburg mit einer Quote von jeweils 258 Fällen ein, der Stadtkreis Frankfurt (Oder) folgt mit einem Fall weniger (257). Die beiden Schleswig-Holsteiner Kreise Dithmarschen (Landkreis) und Neumünster (Stadtkreis) folgen mit 253 und 251 Fällen.
Schwieriges Entkommen: 17 der 25 Negativ-Spitzenreiter blieben in dieser Gruppe Ohne Weiteres scheint für die besonders stark von der Pleitewelle betroffenen Kreise keine Verbesserung der Situation möglich zu sein. So sind in der Gruppe der „Negativ-Top 25“ im Vergleich zum Vorjahr zwar Veränderungen im Detail zu verzeichnen, insgesamt bleiben die einzelnen Landkreise aber fast immer dort, wo sie auch im Vorjahr platziert waren. So finden sich unter den 25 Einheiten mit der höchsten Zahl an Insolvenzverfahren pro 100.000 Einwohner 17 Kreise, die hier auch bereits 2005 genannt wurden.
Vier Kreise verbesserten sich und stiegen in die Gruppe „Platz 26 bis 50“ auf: Der Landkreis Neunkirchen (Saarland) von Platz 12 auf 26, der bayerische Stadtkreis Hof von Platz 14 auf Platz 30, der Landkreis Märkisch-Oderland (Brandenburg) von Platz 8 auf Platz 33 und der Stadtkreis Magdeburg von Platz 24 auf 43. Zur Verbesserung der Platzierung trug die unterdurchschnittliche Zuwachsrate der Zahl der Fälle beziehungsweise im Landkreis Märkisch-Oderland der Rückgang der Fallzahl um 6,2 Prozent bei.
Bewegung am positiven Ende der Skala Am positiven „Top 25“-Bereich der Skala konnten sich immerhin 12 Kreise positionieren, die bereits im vergangenen Jahr bundesweit zu den Verwaltungseinheiten mit der niedrigsten Quote an Insolvenzen gehörten. Immerhin 10 dieser Kreise schafften es, mit einem Rückgang der Zahl der Insolvenzen pro 100.000 Einwohner zu glänzen. Die geringste Zahl an Insolvenzen natürlicher Personen pro 100.000 Einwohner meldeten die bayerischen Landkreise Main-Spessart (32 Fälle) und Rhön-Grabfeld (35 Fälle). Hier war die Fallzahl gegenüber 2005 um 11,1 beziehungsweise um 12,5 Prozent zurückgegangen. Trotz eines Anstiegs um 16,7 beziehungsweise 12,5 Prozent blieben der hessische Vogelsbergkreis mit ebenfalls 35 Fällen und der Landkreis Olpe (Nordrhein-Westfalen) mit 36 Fällen auf ihren guten Plätzen 437 und 436 von insgesamt 439.
Seghorn-Studie: Mangelnde Finanzkompetenz Hauptproblem Seghorn-Geschäftsführer Stephan Jender verwies abschließend darauf, dass zumindest bei Verbrauchern eine mangelnde Finanzkompetenz der Hauptgrund für Überschuldungsprobleme sei. Hierzu habe sein Unternehmen im Sommer eine Studie unter dem Titel „Überschuldung und Prävention“ vorgestellt. Knapp ein Drittel der 1.996 befragten Verbraucher mit akuten Zahlungsschwierigkeiten bekannten darin, dass eine unwirtschaftliche Haushaltsführung wesentlich zur Misere beigetragen habe. „In die finanzielle Schieflage führten schließlich nicht erwartete und nicht eingeplante Ereignisse wie Arbeitslosigkeit (48,8 Prozent der Männer und 46,7 Prozent der Frauen) oder die Trennung beziehungsweise die Scheidung vom Partner“, berichtete Jender weiter.
Landkarte
- Insolvenzen natürlicher Personen auf Kreisebene per 30.09.2005
- Insolvenzen natürlicher Personen auf Kreisebene per 30.09.2006
Tabellen
- Eröffnete Insolvenzen natürlicher Personen 2005 u. 2006 nach Kreisen
- Eröffnete Insolvenzen natürlicher Personen 2005 u. 2006 nach Rang
- Eröffnete Insolvenzen natürlicher Personen 2005 u. 2006 nach Bundesländer
Hintergrund: Als eines der größten Inkasso-Unternehmen Deutschlands bearbeitet die Seghorn Inkasso GmbH in Bremen derzeit mehr als eine Million Inkassoaufträge. Das Unternehmen ist in fast jedem vierten Verbraucherinsolvenzverfahren als Vertreter von Gläubigern beteiligt.
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