SEGHORN INSOLVENZLANDKARTE
Die Chancen außergerichtlicher Verhandlungen werden noch nicht genügend genutzt
Die Zahl der Insolvenzen Natürlicher Personen stieg bundesweit nochmals um 27,5 Prozent – Bremen, Saarland und Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Hamburg und Sachsen-Anhalt bilden weiterhin die Spitzengruppe im Negativ-Ranking – Auf den vorderen Rängen des Negativ-Rankings finden sich die gleichen Landkreise wie im Vorjahr
Bremen (gmc). Die Zahl der eröffneten Insolvenzenverfahren Natürlicher Personen ist im Jahr 2005 mit plus 27,5 Prozent nochmals um mehr als ein Viertel von 84.300 im Jahr 2004 auf jetzt 106.987 gestiegen. Im Jahr 2003 waren es dagegen noch 63.953 Fälle gewesen. Die Zahl der Insolvenzen pro 100.000 Einwohner, die einen Vergleich zwischen Regionen ermöglicht, stieg im Bundesdurchschnitt von 77 im Jahr 2003 über 102 im Jahr 2004 auf nunmehr 130 Fälle an. Die Spannweite reicht dabei von 93 Fällen pro 100.000 Einwohner in Baden-Württemberg bis zu 216 Fällen in Bremen. Bezogen auf 2003 beträgt der Zuwachs in nur zwei Jahren mit 67,3 Prozent mehr als zwei Drittel, meldet jetzt die volkswirtschaftliche Abteilung der Bremer Firma Seghorn Inkasso.
Der Seghorn-Geschäftsführer Stephan Jender zeigte sich bei der Vorstellung der Daten über diese Entwicklung besorgt: „Dieser Anstieg ist dramatisch. Er darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es insgesamt mit noch weitaus mehr überschuldeten Personen zu tun haben. Schätzungen zu Folge gibt es in Deutschland mehr als drei Millionen überschuldeter Personen“, so Jender bei der Präsentation der aktuellen „Seghorn-Insolvenz-Landkarte“. Diese Studie beinhaltet ein bundesweites Ranking des Insolvenz-Geschehens auf Landes- und auf Landkreisebene.
Zahlungsausfälle und Insolvenzen betreffen immer zwei Parteien Jender machte deutlich, dass das Verschuldungsproblem immer zwei Seiten habe: „Jede Verbraucherinsolvenz ist für den Betroffenen schlimm. Auf der anderen Seite wird aber die wachsende Zahl an Forderungsausfällen auch für immer mehr Gläubiger, denen dieses Geld in der Kasse fehlt, zu einem existenziellen Problem. Wir müssen daher Wege finden, die nicht nur den betroffenen Schuldnern helfen, die persönliche Finanzkrise zu lösen, sondern die auch bei den Gläubigern für Zahlungseingänge sorgen“, mahnte der Seghorn-Geschäftsführer Keine Lösung sei es, ein Finanzproblem „aussitzen“ zu wollen, mahnte Jender: „Das ist in der Regel hoffnungslos. Es wird nur in seltenen Fällen passieren, dass eine offene Rechnung vom Gläubiger ohne Grund ausgebucht wird. Im Gegenteil ist zu empfehlen, mit dem Gläubiger aktiv Kontakt aufzunehmen. In Verhandlungen kann oftmals ein Zahlungsaufschub oder ein Teilverzicht in Kombination mit einer Ratenzahlung erreicht werden“, berichtete der Geschäftsführer.
Betroffene empfehlen Kontaktaufnahme mit Gläubigern Stephan Jender zitierte eine wissenschaftliche Studie, die das Unternehmen im vergangenen Jahr durchführen ließ: „Wir haben überschuldete Verbraucher danach befragt, welchen Tipp sie anderen Betroffenen zur Vermeidung einer Überschuldung geben würden. Die beiden am häufigsten genannten Ratschläge sind, auf jeden Fall Kontakt zu den Gläubigern zu halten sowie zu versuchen, Zahlungsvereinbarungen zur Vermeidung von Zwangsmaßnahmen zu treffen.“
„Handelt es sich nicht um einen nur vorübergehenden Liquiditätsengpass und lässt sich die Finanzkrise auch längerfristig nicht lösen, dann sollte der einem Insolvenzantrag zwingend vorgeschaltete außergerichtliche Einigungsversuch als Chance für einen Vergleich gesehen und genutzt werden“, empfahl Jender. „Eine von uns in Auftrag gegebene Studie hat gezeigt, dass bereits in bedeutendem Maße Einigungen außergerichtlich erzielt werden. Damit kann auf den Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens, das den Betroffenen auf Jahre hinaus belasten würde, verzichtet werden“, berichtete der Seghorn-Geschäftsführer. Er empfahl Personen, die den Ernst ihrer finanziellen Lage erkannt hätten, frühzeitig die Hilfe öffentlicher Beratungsstellen in Anspruch zu nehmen: „Dann reichen möglicherweise sowohl die Zeit als auch die finanziellen Mittel noch aus, um einen außergerichtlichen Einigungsversuch erfolgreich in die Wege leiten zu können.“
Jender warb mit der Perspektive, die sich in diesem Fall für den Schuldner öffne: „Mit der außergerichtlichen Einigung kann das Insolvenzverfahren mit all seinen negativen Folgen vermieden werden. Der Schuldner kann sofort wieder nach vorn schauen und sich dem Wiederaufbau beziehungsweise der Stabilisierung seiner Existenz widmen.“
Jender beklagte, dass diese positive Sichtweise der vorgerichtlichen Phase des Verbraucherinsolvenzverfahrens bisher zu wenig verbreitet sei: „Der Nullplan, bei dem im außergerichtlichen Einigungsversuch überhaupt keine Zahlungen angeboten werden, wird zwar auch künftig häufig vorkommen. Er darf aber nur in absolut aussichtslosen Fällen der letzte Schritt sein, darüber sollten sich alle Beteiligten einig sein.“
Die Ergebnisse der Insolvenzlandkarte im Detail Die Insolvenzlandkarte analysiert die Zahlen der Insolvenzen Natürlicher Personen im Jahr 2005. Hierzu zählen Verbraucher, Natürliche Personen als Gesellschafter, ehemals und noch aktiv selbstständig Tätige und Nachlässe. Verglichen wurde die Zahl der Insolvenzen Natürlicher Personen pro 100.000 Einwohner. Im Jahr 2005 führten dabei Bremen mit 216 Insolvenzen (179 im Vorjahr) und das Saarland mit 182 (148 im Vorjahr) weiterhin das Länder-Ranking an, während auf Platz drei und vier die Ränge getauscht wurden. Mecklenburg-Vorpommern meldet 181 (139 im Vorjahr) und Niedersachsen 177 (140 im Vorjahr) Insolvenzen pro 100.000 Einwohner. Dahinter folgen Schleswig-Holstein mit 172 (132 im Vorjahr) und Hamburg mit 167 (136 im Vorjahr) Fällen.
Die geringste Anzahl an Insolvenzen meldeten wiederum Baden-Württemberg mit 93 (76) und Bayern mit 95 (73) Fällen, wobei auch diese Länder ihre Plätze getauscht haben. Auf dem positiven Ende der Skala folgen Hessen mit 104 (84) und Thüringen mit 124 (85) Fällen pro 100.000 Einwohner.
Die höchsten Zunahmen der absoluten Zahl meldeten Thüringen mit einem Anstieg um 45,9 Prozent von 2.012 auf 2.930 Fälle sowie Sachsen mit einem Plus von 43,3 Prozent von 4.172 auf 5.951 Fälle. Danach folgen Sachsen-Anhalt mit plus 38,7 Prozent von 3.004 auf 4.125 Fälle und Berlin mit einem Anstieg um 31,5 Prozent von 3.756 auf 4.936 Fälle.
Seghorn-Geschäftsführer Stephan Jender analysierte die Daten in einer ersten Stellungnahme hinsichtlich der regionalen Entwicklungen: „Die traurigen Spitzenpositionen der Nordländer bei der absoluten Insolvenzzahl und bezüglich der Zuwachsraten lässt die Vermutung zu, dass ein Zusammenhang zwischen der Wirtschaftskraft des jeweiligen Bundeslandes und der Insolvenzhäufigkeit besteht. Auch wenn es zu diesem Fragenkomplex noch nicht genügend wissenschaftlich untermauerte Studien gibt, mehren sich jedoch entsprechende Hinweise. So hat eine von uns initiierte Studie noch einmal klar gezeigt, dass Arbeitslosigkeit in fast der Hälfte aller Fälle von Verbraucherinsolvenzen der eigentliche Auslöser für die Krise war. Daraus wird deutlich, wie wichtig es ist, Arbeitsplätze zu sichern beziehungsweise zu schaffen.“
Insolvenzen Natürlicher Personen
Landkarte
- Insolvenzen Natürlicher Personen auf Kreisebene per 31.12.2005
Tabellen
- Eröffnete Insolvenzen Natürlicher Personen 2004 u. 2005 nach Kreisen
- Eröffnete Insolvenzen Natürlicher Personen 2004 u. 2005 nach Rang
- Eröffnete Insolvenzen Natürlicher Personen 2004 u. 2005 nach Bundesländer
Zum Hintergrund: Als eines der größten Inkasso-Unternehmen Deutschlands bearbeitet die Seghorn Inkasso GmbH in Bremen derzeit mehr als eine Million Inkassoaufträge. Das Unternehmen ist in fast jedem vierten Verbraucherinsolvenzverfahren als Vertreter von Gläubigern beteiligt.
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