Im Interview erklärt der Vorstand Dr. Kevin Yam, welche Rolle KI in der Inkassodienstleistung spielt und wie so neue Perspektiven für die Banken- und Versicherungsbranche geschaffen werden.

1. Sie sprechen immer wieder von „ganzheitlichem Forderungsmanagement“. Das heißt Forderungsmanagement und Risikomanagement gehen Hand in Hand. Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass wir Risiken im Zahlungsverkehr frühzeitig erkennen, bewerten und verhindern und im Falle eines Zahlungsausfalls Forderungen beitreiben. Mittels Machine Learning gelingt es uns, die gewonnenen anonymisierten Informationen wiederum zur weiteren Optimierung unseres Forderungsmanagements zu nutzen.

2. Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Wie sieht das Forderungsmanagement der Zukunft aus? Was muss es zukünftig leisten, was sind Trends?

Die Kerntätigkeit im Forderungsmanagement wird weiter bestehen bleiben, da es auch zukünftig Zahlungsversäumnisse geben wird. Allerdings wird sich der Digitalisierungstrend auch in unserem Bereich rasant weiterentwickeln und zukünftig die Prozesse des Forderungsmanagements maßgeblich bestimmen: Beispiele hierfür sind die Erweiterung der Kundenkommunikation auf digitale Kanäle, die Zunahme von barrierefreien Zahlungsmöglichkeiten durch die Nutzung von digitalen Payment Services, Chatbots usw.

Kurzum: Das Kerngeschäft des Forderungsmanagements bleibt, doch die Peripherie wird sich verändern: Digitale Schnittstellen und Tools werden unsere Prozesse weiter vereinfachen und optimieren.

3. Apropos Digitalisierung: KI spielt eine wachsende Rolle im Forderungsmanagement der Zukunft. Forderungen und künstliche Intelligenz – wie gehört das zusammen?

Zum einen lassen sich durch den Einsatz von KI Zahlungsausfälle frühzeitig erkennen. Mit Hilfe sogenannter „Predictive Analytics“ können wir das Ausfallrisiko ziemlich exakt bewerten: Wie hoch ist der voraussichtliche Ausfall, wann und wie viel Rückfluss ist im Inkassoprozess zu erwarten? Wann ist mit Zahlungserfolg zu rechnen? Dank KI lassen sich diese Fragen mit einer Prognosegenauigkeit von bis zu 99% beantworten.

Zum anderen ermöglicht KI Entscheidungslogiken in der Forderungsbetreibung zu optimieren und Teilprozesse zu automatisieren. Ganz konkret ziehen wir aus KI Handlungsempfehlungen im Sinne unserer Mandanten zu Fragen wie „Welche Ansprache wähle ich?“, „Soll ein Titel beantragt oder ein Gerichtsvollzieher beauftragt werden?“.

Doch auch Schuldner profitieren von KI: Durch Künstliche Intelligenz können weitere Kosten verhindert werden, indem z.B. eine kostenpflichtige Maßnahme entfällt, weil die KI eine schonendere Rückzahlungsform ermittelt.

KI hilft uns, die optimale Ansprache sowie den richtigen Zeitpunkt für die jeweiligen Forderungsschritte zu ermitteln, um die Erfolgswahrscheinlichkeit einer Beitreibung bzw. die Rückflussquote zu erhöhen. Mittels Künstlicher Intelligenz generieren wir Mehrwerte auf Mandanten- und Schuldnerseite, das macht sie zu einem unabdinglichen Teil des Forderungsmanagement der Zukunft.   

4. Künstliche Intelligenz sorgt für Automatisierung des Forderungsmanagements. Werden KundInnen / SchuldnerInnen künftig noch mit Menschen sprechen?

Ja, eine individuelle Beratungsleistung sowie das persönliche Gespräch, z.B. wenn es um Deeskalation geht, sind nicht zu ersetzen. Die Hauptaufgabe in der Kommunikation mit Schuldnern kann nur mit fachlich geschultem Personal durchgeführt werden. Dennoch werden die Teile der Kommunikation automatisiert, bei denen es sinnvoll und möglich ist. Chatbots beispielsweise können dazu dienen, die Barrieren beim Aufbau der Kommunikation abzubauen, denn sie sind 24/7 und ortsunabhängig erreichbar. Durch Automatisierung erreichen wir eine Verbesserung der Servicequalität.

5. Künstliche Intelligenz kann vielfältig eingesetzt werden: In welchen Bereichen sehen Sie die Zukunft von KI im Forderungsmanagement?

SEGHORN besitzt eine eigene Entwicklungseinheit, bestehend aus Experten für Künstliche Intelligenz und Data Science, mit der wir unsere eigene Software SeghornRisk entwickelt haben: Aus anonymisierten Beitreibungsprozess- und Forderungsdaten erstellen wir angereicherte Datenmodelle, in denen insbesondere auch makroökonomische und sozioökonomische Daten hinzugezogen werden. Diese Daten in Verbindung mit selbstentwickelten Algorithmen helfen uns dabei, zahlungsfähige von zahlungsunfähigen Kunden zu separieren und Zahlungswahrscheinlichkeit und Rückflussquote für eine Forderung zu berechnen.

Wir nutzen gängige Verfahren aus den Bereichen der multivariaten Statistik und neuronalen Netzen. Hierbei arbeiten wir eng mit Forschungsinstituten zusammen und nutzen unsere Nähe zu Universitäten, um Forschungsprojekte zu fördern. Gerade im Bereich der KI geht die Entwicklung schnell voran, insbesondere in den Bereichen Industrie, Wirtschaft sowie neue Computertechnologien spielt KI schon heute eine immense Rolle. In der Weiterentwicklung von SeghornRisk nehmen wir diese Entwicklungen mit auf und sind so stets am Puls der Zeit. 

SeghornRisk nutzen wir sowohl intern, um genaue Prognosen zu erstellen und Forderungen zu bewerten, als auch als passgenaue Produktlösung für unsere Mandanten. Man könnte ironisch sagen, mit SeghornRisk kannibalisieren wir uns im Grunde selber, weil wir Forderungen vorbeugen bzw. die Anzahl der Forderungen reduzieren. Allerdings wollen wir nicht künstlich Forderungen generieren, sondern sehen die Software als Werkzeug für ein optimiertes und zukunftsfähiges Forderungsmanagement.   

6. An wen richtet sich SeghornRisk, welche Benefits bietet die Software?

Wir betreuen vorzüglich Mandanten aus dem Banken- und Versicherungssektor. Mit SeghornRisk sind wir in der Lage, bereits in der Antragsstellung die Kunden zu bewerten und so Zahlungsausfälle frühzeitig zu verhindern. Allein durch die Daten, die ein potentieller Kunde für einen Kredit- oder einen Versicherungsantrag liefert, kann SeghornRisk die Bonitäts- und Ausfallquote ermitteln. Die Schufa gibt Auskunft über das Ausfallrisiko. SeghornRisk geht einen Schritt weiter und ermöglicht also eine präzise Prognose, z.B. wie viel im Falle einer Forderung zurückgezahlt wird.

Ein weiterer Vorteil gegenüber dem Schufa-Scoring: Mit unserer Software können Sie potentielle Kunden bewerten, die durch andere Bewertungen ausgefiltert werden. Das birgt vertriebliche Vorteile, indem Vertrags- und Zahlungskonditionen von Neu- und Bestandskunden optimiert werden können.

Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie Covid-19 ist die Risikobewertung von Forderungspositionen für Banken besonders relevant. Unsere Softwarelösung ermöglicht es Banken, bestehende Forderungsportfolios präziser als marktüblich zu bewerten.

Kurzum: Gerade für traditionelle Finanzbranchen wie Banken, eCommerce und Versicherer, birgt SeghornRisk immense Marktvorteile, indem wir generische Risiken einschätzbar machen und Handlungsableitungen rund um ein optimiertes Forderungsmanagement treffen.

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